Besucherzähler  

Heute 3

Gestern 38

Woche 97

Monat 388

Insgesamt 72514

Aktuell sind 33 Gäste und keine Mitglieder online

Kubik-Rubik Joomla! Extensions

   

Training in Harz
geschrieben von Thorin Mentrup 29.11.2020 / Foto aus "Training im Harz"


Im Jahr 2013 begann der Martfelder Thorsten Glatthor mit dem Marathon-Training – und ist mittlerweile ein Ultraläufer. Das Mont-Blanc-Massiv hat er bereits halb umrundet, und der 45-Jährige hat weitere Pläne.

 

Mitten im Mont-Blanc-Massiv: Der C-C-C im vergangenen Jahr war bislang Thorsten Glatthors größter Wettkampf.
Mitten im Mont-Blanc-Massiv: Der C-C-C im vergangenen Jahr war bislang Thorsten Glatthors größter Wettkampf. (FR)

Da ist Thorsten Glatthor also. Am Mont-Blanc. Ein Martfelder aus dem flachen Landkreis Diepholz und der höchste Berg der Alpen – ein ungleiches Paar. Immerhin: Im Spätsommer 2019 will der heute 45-Jährige den mehr als 4800 Meter hohen Koloss nicht überqueren, sondern in einem Halbkreis um ihn herumlaufen. 99,2 Kilometer und 6156 Höhenmeter von Courmayeur in Italien über Champex in der Schweiz nach Chamonix in Frankreich.

„Nein“, sagt er und grinst. „Geplant war das nicht. Man kann sich nicht vorstellen, 100 Kilometer in den Bergen mit 6000 Höhenmetern um den Mont Blanc herum in 20 Stunden zu laufen. Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht und habe gesagt: So, jetzt will ich das machen.“ Was jedem Hobbyläufer utopisch erscheint, ist es auch für Glatthor lange Zeit gewesen. Rückblickend ist seine Teilnahme am sogenannten C-C-C (in Anlehnung an die drei Orte) die logische Folge seiner sportlichen Entwicklung.

Die nimmt erst im Jahr 2013 Fahrt auf. Glatthor, sportbegeistert und sportlich, aber nicht in einem Verein organisiert oder professionell trainiert, will beim Berlin-Marathon mitlaufen. Im Vorjahr hat er sich angemeldet. „Ein Ziel gesetzt“, wie er sagt. Das brauche er: Herausforderungen, Projekte, Verbindlichkeit. Das klappt. Er bleibt dran und bewältigt in 3:22:53 Stunden seinen ersten Marathon. Herausforderung gemeistert.

Das wäre bereits ein guter Abschluss für Glatthors Laufbahn. Doch er hört nicht auf. „Das Laufen hat Spaß gemacht und ist für mich zur Routine geworden“, lässt ihn die Leidenschaft nicht mehr los. Dem ersten Ausrufezeichen folgen weitere: der Marathon in Hannover etwa, den er im Jahr 2016 in unter drei Stunden absolviert (2:59:23). Und ein Jahr später der Ironman in Hamburg. Beim TSV Schwarme formt Erik Plenge ihn zu einem passablen Schwimmer, dann kauft sich Glatthor ein Rennrad – aus dem Läufer wird ein Triathlet. All das geht Schlag auf Schlag. Die Entscheidung, sich mit einigen Teamkollegen für den Ironman anzumelden, bezeichnet der Martfelder als Meilenstein. Das Trainingspensum wächst, vor allem aber steht zum ersten Mal ein Projekt vollkommen im Fokus. „Ich musste absolute Prioritäten setzen. Dann musst du abwägen: Fährst du zum Fußball ins Weserstadion oder trainierst für den Ironman?“, nennt er ein Beispiel. Die Vorbereitung bringt eine klare Struktur in seinen Alltag. „All das hilft dir zu verstehen: Was ist wichtig und was nicht?“ Glatthor lernt viel über Selbstreflexion und Konzentration auf ein Ziel, spürt aber auch: Der Sport ist ein wichtiger Teil seines Lebens.

Der Ironman, den er in 11:32 Stunden bewältigt, ist auf lange Sicht jedoch nicht das Richtige für Glatthor. Die Trainingsumfänge aber bleiben hängen. Sechs Tage pro Woche macht er Sport, montags gönnt er sich eine Pause. Auf dieser Fitnessbasis sucht er sich neue Wettkämpfe. Dass er dabei auf die Berge stößt, ist vielleicht nicht geplant, liegt aber auch nicht allzu fern. Mit seiner Lebensgefährtin Petra und seiner Tochter Leni fährt er oft in den Campingurlaub. Frühmorgens aufstehen, mit der Stirnlampe auf die Berge und den Sonnenaufgang erleben: „Das ist eine absolute Erfüllung für mich. Ich mag die Berge, ich mag die Natur und deswegen mag ich es auch, dort zu laufen.“, verleiht Glatthor seiner Begeisterung Ausdruck.

Da kommt die Brocken-Challenge, ein 80-Kilometer-Lauf von Göttingen auf den Harz, gerade recht. „Am Anfang wusste ich nicht so recht: Ist das etwas völlig Verrücktes oder etwas ganz Spannendes?“, fasst er seine ersten Gedanken zusammen. Nach und nach wächst der Wille, sich dieser Herausforderung stellen zu wollen. Es ist Glatthors Einstieg in die Ultraläufe, die nächste Entwicklungsstufe.

Mit Trainer Martin Ott bereitet sich der 45-Jährige vor. Er bekommt einen individuellen Plan, trainiert bis zu zwölf Stunden pro Woche. „Für mich ist so ein Plan eine wichtige Sache, weil er eine Verbindlichkeit schafft. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du ihn einhältst“, sagt er. So hält er Motivation und Spaß hoch. Diese beiden Punkte sind für ihn entscheidend. Der Wettkampf sei eine Facette des Ganzen – aber längst nicht alles.

Das gilt besonders für die Ultraläufe. Die Brocken-Challenge, die Glatthor vor zwei Jahren in 9:03 und in diesem Jahr in 8:18 Stunden zurücklegt, ist ein Vorgeschmack auf den C-C-C. Ein Ultralauf sei sehr persönlich: „Mir tut das gut. Ich kriege den Kopf frei, kann gut nachdenken. Das ist fast schon meditativ“, nennt der Martfelder die Vorteile. Intensiv sei aber auch der Kampf während des Laufs. „Da gibt es immer wieder Phasen, in denen es schwierig ist, in denen etwas weh tut, in denen du auch mental nicht ganz so fit bist. Da musst du dich rauskämpfen. Diese Talfahrt und mit ihr umzugehen, ist das Besondere am Ausdauersport.“

Entscheidend sei eine positive Einstellung. „Es hilft nichts, sich zu ärgern. Die Frage ist: Was kannst du machen?“ Handeln und nicht hadern – dieses lösungsorientierte Denken wendet Glatthor auch beruflich an: Beim Landvolk Niedersachsen in Syke ist er als Unternehmensberater tätig. Die Frage, was man dazu beitragen kann, damit etwas besser wird, steht dabei im Mittelpunkt. „Lösungsorientiertes Denken übst du im Grunde auch im Sport in jeder Trainingseinheit“, findet er. Für Ultraläufer ist diese Charaktereigenschaft besonders wichtig. Denn: „Es gibt keine Ausreden. Du bist für dich allein.“

In den Bergen wirkt alles noch ein bisschen extremer. Die Aussicht und die Natur mögen für einige Strapazen entschädigen, aber auf 20 Stunden ohne ein Tief wagt Glatthor nicht einmal zu hoffen, als er im vergangenen Jahr in Italien startet. „Dass das überhaupt geklappt hat, ist eine ganz verrückte Geschichte“, verrät er. Denn als er zum ersten Mal vom Ultra-Trail du Mont-Blanc hört, denkt er nur: „Unvorstellbar, was die da machen.“ Unvorstellbar, „aber irgendwie auch chic“. Das Feuer des Athleten ist geweckt. Er sammelt Informationen. Für die Teilnahme braucht er acht Punkte. Drei hat er zufällig bei einem Bergmarathon in Botzen gesammelt. Fünf fehlen noch – oder besser: ein 100-Kilometer-Lauf. Bis Weihnachten muss er das schaffen. Allerdings hat der Herbst bereits Einzug gehalten ins Jahr 2018, die Läufe sind rar. Einen aber gibt es noch. Im Wiener Wald. „Also habe ich mich spontan in den ICE gesetzt und bin 100 Kilometer durch den Wald gelaufen“, erzählt Glatthor: Vieles, was seine Laufbahn geprägt hat, ist spontan geschehen, aber stets auch aus voller Überzeugung. Er meldet sich für den C-C-C an, landet im Lostopf und hat Glück. Er ist dabei.

Keine sieben Jahre, nachdem er sich auf den Berlin-Marathon vorbereitet hat, steht Glatthor nun in Courmayeur. Geplant war das am Anfang nicht. Eine großartige Erfahrung wird es trotzdem. „Mein größter Wettkampf“, bekräftigt er. Höhen und Tiefen hält der Mont-Blanc-Lauf für ihn bereit. Nach der Hälfte der Strecke rebelliert sein Magen. „Es war ein tiefes Tal, in dem ich da war. Und ich musste hart kämpfen, um da wieder rauszukommen – insbesondere weil es vergleichsweise früh war. Bei der Hälfte sollte es dir noch nicht so gehen“, sagt Glatthor.

Er quält sich, und er wird belohnt. In Chamonix wartet seine Petra. „Das war sehr emotional, ein Highlight. Vor allem, wenn du lebend durchs Ziel läufst.“ Lebend – das bedeutet, die Momente bewusst zu erleben. „Das ist ein Ziel, das ich mir immer setze: Ich möchte lächelnd durchs Ziel laufen, stolz sein auf das, was ich geleistet habe.“ Das gehe vielleicht zulasten der Zeit. „Aber es ist egal, ob du in 20:18 oder in 19:18 Stunden ankommst“, ist laut Glatthor das Ankommen entscheidend. Und die Zufriedenheit, wieder ein Projekt geschafft zu haben.

Kann da noch mehr kommen? Ja, glaubt Glatthor, dessen Traum ein Start beim Western State Endurance Run, dem ältesten 100-Meilen-Rennen der Welt, ist. Deshalb trainiert er auch im Corona-Jahr intensiv. Er übernimmt Selbstverantwortung, um das Beste aus der Situation zu machen: Er unternimmt Läufe in den Harburger Bergen und im Harz oder läuft in Bayern vom Eibsee auf die Zugspitze und von Garmisch auf die Alpspitze und wieder zurück. Das Jahr wird er mit rund 3800 Rad- und 2700 Laufkilometern beenden. Denn ein neues Ziel hat er bereits im Blick: den Lavaredo Ultra Trail mit 120 Kilometern und rund 6000 Höhenmetern in den Dolomiten. In diesem Jahr ist er ausgefallen, im kommenden Sommer soll er nachgeholt werden. Dort will Glatthor erneut ein Stück weit die eigenen Grenzen nicht nur erforschen, sondern auch verschieben.

Er tue sich schwer damit zu behaupten, er leiste etwas Besonderes, sagt der Martfelder. Schließlich verspüre er keinen Zwang, bei Wettkämpfen zu starten. „Es gibt auch andere Prioritäten und Projekte im Leben, die mehr Zeit brauchen. Dann muss man auch mal zurückfahren“, erklärt er, dass die Balance stimmen muss. Die sportlichen Herausforderungen müssten in sein Leben passen. Momentan seien sie der perfekte Baustein. Das gilt sogar für einen Lauf im Halbkreis um das Mont-Blanc-Massiv.

   
© ALLROUNDER